Grundlagen
Die Bezeichnung polychlorierte Dibenzo-p-dioxine und -furane (PCDD/F)
- kurz Dioxine genannt - ist der Oberbegriff einer Gruppe von tricyclischen
chlororganischen Verbindungen mit ähnlichen chemischen sowie biologischen
Eigenschaften. Für jeden Chlorierungsgrad ergibt sich eine bestimmte
Anzahl von Isomeren, insgesamt liegt die Summe aller möglichen Einzelverbindungen
(Kongenere) bei den PCDD bei 75 und bei den PCDF bei 135 (vgl. Tabelle).
| Anzahl Chloratome |
Kürzel und Anzahl der
PCDD-Isomere |
Kürzel und Anzahl der
PCDF-Isomere |
| 1 |
MonoCDD: 2 |
MonoCDF: 4 |
| 2 |
DiCDD: 10 |
DiCDF: 16 |
| 3 |
TriCDD: 14 |
TriCDF: 28 |
| 4 |
TCDD: 22 |
TCDF: 38 |
| 5 |
PeCDD: 14 |
PeCDF: 28 |
| 6 |
HxCDD: 10 |
HxCDF: 16 |
| 7 |
HpCDD: 2 |
HpCDF: 4 |
| 8 |
OCDD: 1 |
OCDF: 1 |
| Kongenere |
75 |
135 |
Dioxine sind heute ubiquitär, d.h. in der gesamten Umwelt zu finden,
obwohl diese Chemikalien zu keiner Zeit kommerziell hergestellt
wurden. Bekannte Quellen der Entstehung von Dioxinen sind bzw. waren
- die Entstehung als Nebenprodukt bei der Herstellung bestimmter
chlororganischer Chemikalien (wie 2,4,5-T, PCB, PCP, Chloranil,
Farbpigmenten und -stoffen),
- Verbrennungs- und Pyrolysevorgänge (z.B. Müllverbrennung, PVC-Kabelverschwelung,
Brände von PCB-haltigen Transformatoren, Hausbrand),
- metallurgische Prozesse (z.B. Aluminiumrecycling, Sinteranlagen
für Eisenerz),
- und die Bildung in der Zellstoffbleiche bei Einsatz chlorierter
Substanzen.
Prinzipiell ist auch eine "natürliche" Bildung von PCDD/F möglich, über deren praktische Bedeutung liegen jedoch sehr widersprüchliche
Angaben vor.
Bei vielen Prozessen entstehen in der Regel unterschiedliche Einzelkongenere,
die zusammen ein PCDD/F-Muster (Pattern) ergeben, das als jeweils
prozessspezifisch angesehen werden kann (z.B. Verbrennungs-Pattern,
PCP-Pattern, Chlorbleiche-Pattern). Mit Hilfe solcher Pattern bzw.
einzelner prozessspezifischer Kongenere lassen sich bei komplexen
Matrices oft Rückschlüsse auf die der PCDD/F-Belastung zu Grunde
liegenden Quellen ziehen.
Beispiele für typische PCDF-Muster (Nummerierung nach Ballschmitter):
Beispiele für typische PCDD-Muster:
Toxizität
Dioxine sind extrem toxisch und wirken im Tierversuch
bei Ratten, Mäusen und Hamstern kanzerogen. Zudem gibt es eindeutige
Hinweise auf weitere chronische Wirkungen, wie z.B. Teratogenität,
Fötotoxizität. Beim Menschen ist die durch akute PCDD/F-Intoxikation
verursachte Chlorakne bekannt. Toxikologisch bedeutsam sind vor
allem Dibenzodioxine und Dibenzofurane, die an den Stellen 2,3,7
und 8 chlorsubstituiert sind. Als toxischstes Kongener gilt das
2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (2378-TCDD).
Mit Hilfe der Toxizitätsäquivalente (TEq) werden alle vierfach-
und höherchlorierten Dibenzodioxine und -furane auf die Toxizität
des 2378-TCDD umgerechnet. Die Gesamt-TEq-Werte berechnen sich,
indem man die einzelnen PCDD/F-Konzentrationen mit dem TEF multipliziert
und die so erhaltenen Werte addiert. Hierbei werden eine Vielzahl
unterschiedlicher Berechnungsmodelle angewandt, die gebräuchlichsten
sind die Kalkulationen nach BGA/UBA (BGA-Teq, inzwischen veraltet), nach NATO/CCMS (I-TEq) oder nach WHO (vgl. Tabelle).
Bei den internationalen Berechnungverfahren werden in der Regel
zusätzlich die nicht nachweisbaren Kongenere mit dem Wert ihrer
halben Nachweisgrenze berücksichtigt und der Gesamtwert als ITEq (½
NWG) angegeben. Neben diesen Konzentrationsangaben in TEq wird noch
die Gesamtsumme aller nachgewiesenen vier- bis achtfach chlorierten
Dioxine und Furane berechnet. Bei diesen Kalkulationen (Gesamt-TEq
und Gesamtsummen) werden generell die ein- bis dreifachchlorierten
Dioxine und Furane nicht berücksichtigt, da ihr toxikologischer
Wirkungsmechanismus nicht mit dem der höher chlorierten vergleichbar
ist. In der Regel werden diese Verbindungen deshalb auch nicht analysiert.
Tabelle: Toxizitätsäquivalentfaktoren (TEF) nach BGA/UBA,
NATO/CCMS und WHO.
| Substanz |
BGA-TEF |
I-TEF |
WHO-TEF |
| |
|
|
|
| 2378-TCDD |
1,0 |
1,0 |
1 |
| 12378-PeCDD |
0,1 |
0,5 |
1 |
| 123478-HxCDD |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 123678-HxCDD |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 123789-HxCDD |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 1234678-HpCDD |
0,01 |
0,01 |
0,01 |
| OCDD |
0,001 |
0,001 |
0,0001 |
| 2378-TCDF |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 12378-PeCDF |
0,1 |
0,05 |
0,05 |
| 23478-PeCDF |
0,1 |
0,5 |
0,5 |
| 123478-HxCDF |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 123678-HxCDF |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 234678-HxCDF |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 123789-HxCDF |
0,1 |
0,1 |
0,1 |
| 1234678-HpCDF |
0,01 |
0,01 |
0,01 |
| 1234789-HpCDF |
0,01 |
0,01 |
0,01 |
| OCDF |
0,001 |
0,001 |
0,0001 |
| |
|
|
|
| Summe TCDD |
0,01 |
|
|
| Summe PeCDD |
0,01 |
|
|
| Summe HxCDD |
0,01 |
|
|
| Summe HpCDD |
0,001 |
|
|
| |
|
|
|
| Summe TCDF |
0,01 |
|
|
| Summe PeCDF |
0,01 |
|
|
| Summe HxCDF |
0,01 |
|
|
| Summe HpCDF |
0,001 |
|
|
Auf Grund des mit den Dioxinen identischen biochemischen Wirkungsmechanismus
am AH-Rezeptor bestimmter Polychlorierter Biphenyle wurden von
der WHO auch TEF für diese Substanzen ermittelt. Der Anteil dieser
"dioxinähnlichen" PCBs an der TEq-Belastung des Menschen ist nicht
unerheblich.
Tabelle: Toxizitätsäquivalentfaktoren (TEF) "dioxinähnlicher"
PCBs nach WHO.
| Substanz |
WHO-TEF |
| Nicht-ortho PCB s |
|
| PCB 77 |
0, 0001 |
| PCB 81 |
0, 0001 |
| PCB 126 |
0, 1 |
| PCB 169 |
0, 01 |
| |
|
| Mono-ortho PCB s |
|
| PCB 105 |
0, 0001 |
| PCB 114 |
0, 0005 |
| PCB 118 |
0, 0001 |
| PCB 123 |
0, 0001 |
| PCB 156 |
0, 0005 |
| PCB 157 |
0, 0005 |
| PCB 167 |
0, 00001 |
| PCB 189 |
0, 0001 |
Dioxinanalytik
Aufgrund der hohen Toxizität der "Dioxine"
stellte der chemisch-analytische Nachweis dieser Verbindungen hohe
Anforderungen an das Untersuchungslabor. Es muss das Vorhandensein
bereits geringster Spuren an "Dioxinen" (im femtogramm-Bereich)
gezeigt werden. Es sind in der Regel aufwendige Extraktions- und
Aufarbeitungsverfahren notwendig, die eine gezielte Anreicherung
der "Dioxine" ermöglichen. Unter Einsatz modernster Analysentechnik
werden die Einzelverbindungen in einem hochauflösenden Gaschromatographen
nach Retentionszeiten aufgetrennt und in der Regel in einem hochauflösenden
Sektorfeld-Massenspektrometer detektiert (HRGC/HRMS).
Beispiel für Probenaufbereitungsschema
(von Papierproben)
Die Analytik "dioxinähnlicher" PCBs ist ebenfalls sehr aufwendig,
da sie in der Regel 2 Größenordnungen niedriger konzentriert in
Umweltproben zu finden sind als "technische" PCBs. Auch hier sind
Aufarbeitungsverfahren notwendig, die eine gezielte Anreicherung
dieser Substanzen ermöglichen.
Grenz- und Richtwerte
Der 1992 gemeinsam von Umweltbundesamt
und dem BGA vertretene Interventionswert für die tägliche Aufnahme
von PCDD/F beträgt 10pg BGA-TEq pro kg Körpergewicht, aus Vorsorgegründen
sollen jedoch Maßnahmen ergriffen werden um die tägliche Aufnahme
von PCDD/F auf unter 1pg BGA-TEq pro kg Körpergewicht zu senken
(Vorsorgewert). Auch von der WHO wurde der Richtwert für die tägliche Aufnahmedosis von PCDD/PCDF
durch Lebensmittel für einen Erwachsenen auf 1 pg/kg (Körpergewicht)
I-TEQ pro Tag erniedrigt. Grundlage waren Langzeitstudien,
die u.a. von der US-EPA vorgelegt wurden. Derzeit kann davon ausgegangen
werden, dass Erwachsene in der Bundesrepublik ca. 2 pg TEq/kg Körpergewicht
und Tag aufnehmen. PCDD/F gelangen zu ca. 90 % über die
Nahrung in den menschlichen Organismus.
In der Chemikalien-Verbotsverordnung werden alle 17 chlorierten
2378substituierten Dioxine und zusätzlich 8 bromierte 2378substituierte
Dioxine berücksichtigt. Die Verordnung gibt Maximalgehalte verschiedener
PCDD/Fs an, die für das Inverkehrbringen von Stoffen, Zubereitungen
und Erzeugnisse gelten. Die Summenwerte der aufgelisteten Kongenere
dürfen die in der Tabelle angegebenen Gehalte nicht überschreiten.
PCDD/F-Höchstmengen nach der Chemikalien-Verbotsverordnung
| Gruppe 1: |
Gruppe 3: |
Gruppe 4: |
| 2378-TCDD |
1234678-HpCDD |
2378-TBrDD |
| 12378-PeCDD |
OCDD |
12378-PeBrDD |
| 2378-TCDF |
1234678-HpCDF |
2378-TBrDF |
| 23478-PeCDF |
1234789-HpCDF |
23478-PeBrDF |
| |
OCDF |
|
| Gruppe 2: |
|
Gruppe 5: |
| 123478-HxCDD |
|
123478-HxBrDD |
| 123678-HxCDD |
|
123678-HxBrDD |
| 123789-HxCDD |
|
123789-HxBrDD |
| 12378-PeCDF |
|
12378-PeBrDF |
| 123478-HxCDF |
|
|
| 123678-HxCDF |
Summe Gruppe 1 |
< 1ppb |
| 123789-HxCDF |
Summe Gruppe 1+2 |
< 5ppb |
| 234678-HxCDF |
Summe Gruppe 1+2+3 |
< 100ppb |
| |
Summe Gruppe 4 |
< 1ppb |
| |
Summe Gruppe 4+5 |
< 5ppb |
In weiteren Gesetzesvorschriften und Regelwerken sind Richt- oder
Grenzwerte für Dioxine zu finden:
- Klärschlammverordnung (AbfKlärV),
Grenzwert: 100 ng/kg
- TA-Luft
- 17. BImschV
- Für die Bewertung von Böden gelten sogenannte Risikowerte (gemäß
"Berliner Liste 1996"):
Bodenmaterial in Spielplätzen: 100 ng/kg TS
Bodenmaterial in Wohngebieten: 1000 ng/kg TS
- Für Milch gilt in Deutschland ein Richtwert von 5 ng/kg I-TEQ
Fett
Literaturverweise
- Fiedler, H., Hutzinger, O.; Literaturstudie Polychlorierte Dibenzo-p-dioxine
und Dibenzofurane, Eco-Informa Press, Bayreuth 1991
- Fiedler, H.; Organohalogen Compunds Vol. 22, Eco-Informa Press,
Bayreuth 1995, 7-29
- Öberg, L.G., Andersson, R., Rappe, C.; Organohalogen Compunds
Vol. 9, 351-354
- Cikryt, P; Organohalogen Compunds Vol. 22, Eco-Informa Press,
Bayreuth 1995, 105-130
- US-EPA; Health Assessment Document Vol. III, External Review
Draft, August 1994
- UBA (Hrsg.); Sachstand Dioxine, Erich Schmidt Verlag, Berlin,
1985
- Kutz, F.W., Bottimore, D.P., Bretthauer, E.W., McNelis, D.N.;
Chemosphere Vol. 17(88), N2-N7
- Van den Berg, M., Birnbaum, L., Bosveld, B.T.C., Brunström,
B., Cook, P., Feeley, M., Giesy, J.P., Hanberg, A., Hasegawa,
R., Kennedy, S.W., Kubiak, T., Larsen, J.C., van Leeuwen, F.X.R.,
Liem, A.K.D., Nolt, C., Peterson, R.E., Poellinger, L., Safe,
S., Schrenk, D., Tillitt, D., Tysklind, M., Younes, M., Waern,
F., Zacharewski, T.: Toxic Equivalency Factors(TEFs) for PCBs,
PCDDs, PCDFs for humans and wildlife. Environmental Health Perspective,
106(12), 775-792, 1998
- Santl, H., Gruber, L., Stöhrer, E.; Chemosphere Vol. 29(94),
1987-1994
- BGA Pressemitteilung vom 17. November 1992
- WHO EXPERTS RE-EVALUATE HEALTH RISKS FROM DIOXINS, Press Release
WHO/45, 3 June 1998
- Beck, H., Droß, A., Mathar, W.; Dioxin-Informationsveranstaltung
11.-13. November 91, Augsburg, Tagungsband 1, 133-144
- BGA/UBA (Hrsg.); Erste Auswertung der 2. fachöffentlichen Anhörung
des BGA und UBA zu Dioxinen und Furanen, BGBl. Sonderheft Mai
1993
- BMU (Hrsg.); 2. Bericht der Bund/Länder-Arbeitsgruppe DIOXINE,
November 1993
- Chemikalien-Verbotsverordnung ChemVerbotsV vom 14. Oktober 1993,
BGBl. I, S. 1720 in der Fassung vom 6. Juli 1994, BGBl. I, S.
1493.
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